Wörtlich steht das nicht bei Davidson (1917-2003). Aber die Idee steht im Zentrum seines Denkens. Und auf die Kurzform gebracht, birgt sie Zündstoff. Denn mit ihr stellt Davidson unsere gängige Vorstellung des Verstehens auf den Kopf. Normalerweise denken wir nämlich, wir müssten zuerst die Bedeutung einer Aussage verstehen, um zu entscheiden, ob sie wahr ist. Scheint logisch.

Nein, sagt der Philosoph, es ist umgekehrt. Nur wenn wir wissen, unter welchen Bedingungen eine Aussage zutrifft, verstehen wir sie. Den Satz „Das Auto hat angehalten“ verstehen wir genau dann, wenn wir wissen, was der Fall sein muss, damit er zutrifft. Sonst verstehen wir ihn gar nicht. Oder wie Davidson sagt: Wir verstehen eine Aussage dann, wenn wir ihre „Wahrheitsbedingungen“ kennen.

Indem Davidson unsere gängige Denkrichtung umkehrt, lenkt er unseren Blick auf das Verstehen. Und damit führt er uns etwas zutiefst Beunruhigendes vor Augen: Bei vielem, was wir hören, könnten wir gar nicht genau sagen, welche Bedingungen erfüllt sein müssten, damit es wahr ist. Das heisst: Wir verstehen es gar nicht recht.

Beispiele finden sich zuhauf, etwa bei Davidsons Namensvetter, dem anderen Donald. Er behauptet, die grossen TV-Sender ABC und NBC seien Sprachrohre der Demokraten. Kennen seine Anhänger die Wahrheitsbedingungen dieser Behauptung? Was müsste der Fall sein, wenn sie stimmt? An welchen Fakten kann man sie prüfen? Oder wenn er die Immigranten für den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes verantwortlich macht: Woran erkennt man, ob der Vorwurf berechtigt ist?

Wer meint, das betreffe nur die USA und ihren Präsidenten, einen notorischen Lügner, nicht uns, der täuscht sich. Auch hierzulande sind die Medien voll von Sätzen, deren Wahrheitsbedingungen völlig unklar sind. Nehmen Sie die zahlreichen Behauptungen, die manche Politikerinnen und Politiker im Brustton der Überzeugung von sich geben. Kennen Sie ihre Wahrheitsbedingungen? Was – ganz genau – müsste der Fall sein, damit sie stimmen? Und auch an den Stammtischen hört man dergleichen. Das aber heisst nichts anderes, als dass wir vieles, was wir hören, gar nicht verstehen. Zumindest nicht genau. Und wohl auch die Sprechenden selber nicht.

Vieles, was wir hören, verstehen wir gar nicht genau.

Warum merken wir das nicht? Das hat mehrere Gründe. Zum einen nehmen wir es häufig nicht so genau. Wir denken zu wenig. Oder zu wenig weit. Manchmal bestärken einfache Phrasen uns in einer vagen Vermutung, einer Ahnung. Sie passen in unser Weltbild. Dann sind wir noch so gerne bereit, sie unbedacht zu übernehmen. Und nicht selten sitzen sie einfach unseren Gefühlen auf, unseren Ressentiments. Etwa wenn wir uns benachteiligt fühlen oder wenn Sündenböcke uns gelegen kommen. Die Sätze blenden uns, die Worte verführen uns, die Sprache vernebelt unser Denken.

Setzen Sie darum ein Zeichen, zunächst für sich selber. Fragen Sie nach den Wahrheitsbedingungen von scheinbar plausiblen Äusserungen. Übernehmen Sie sie nicht fraglos, weil sie grad zu Ihrer Anschauung passen. Überlegen Sie: Woran erkenne ich, ob sie wahr sind? Was müsste der Fall sein, wenn sie stimmen? Dann könnte sich herausstellen, dass Sie Ihrer Sache gar nicht so sicher sind, wie Sie glaubten. So einfach ist die Wahrheit vielleicht nicht zu haben. Wohl aber kommen wir ihr näher, wenn wir die Mühe auf uns nehmen, so genau und so differenziert nachzudenken, wie wir können.

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