Angenommen, Sie stehen am Strand und sehen zwei Menschen, die am Ertrinken sind. Einer von ihnen ist Ihre Frau. Wen retten Sie? – Eine absurde Frage. Wer sie stellt, hat einen Gedanken zu viel, wie Frankfurt meint, der sein Buch «Gründe der Liebe» mit diesem Gedankenspiel einleitet. Natürlich retten Sie Ihre Frau. Selbst wenn der andere Mensch eine bedeutende Persönlichkeit wäre, eine herausragende Forscherin oder ein Wohltäter der Menschheit.

Doch wie legitimieren Sie Ihre Entscheidung? Sie können nicht behaupten, Ihre Frau habe einen besonderen Wert, oder wie die Philosophen sagen, einen intrinsischen Wert. Das gilt doch auch für den anderen Ertrinkenden, die bedeutende Persönlichkeit. Und wer denkt das nicht von seinem Lebenspartner?

Sie werden einfach sagen, dass Sie Ihre Frau bevorzugen, weil Sie sie lieben. Und das ist der Punkt, auf den Frankfurt hinauswill. Wir lieben einen Menschen nicht, weil er einen besonderen Wert hat. Er hat einen besonderen Wert, weil wir ihn lieben.

Werte aber verleihen unserem Leben eine Bedeutsamkeit. Das liegt daran, dass uns nicht einfach alles gleichgültig ist. Wir Menschen sorgen uns um andere; es liegt uns etwas an ihnen. Gewiss, wir sorgen uns auch um uns selbst. Darum ist der Liebe zu anderen immer auch ein wenig Selbstliebe beigemischt. Am wenigsten vielleicht bei der Liebe zu unseren Kindern, weswegen Frankfurt in ihr das Paradigma der Liebe sieht.

Bei ihr stellen wir unser Glück hinter das unserer Kinder zurück – oder sollten es wenigstens. Darum ist sie die selbstloseste Liebe. Ein grosses Geschenk an einen anderen Menschen. Aber kein einseitiges, denn wir bekommen etwas zurück: eben den Sinn oder die Bedeutsamkeit, welche erst die Liebe unserem Leben verleiht. Wer nichts und niemanden liebt, führt ein schales Dasein, langweilt sich unendlich.

Das alles gilt freilich nicht nur für die Liebe zu Menschen. Wir lieben auch «Dinge»: die Ornithologin die Vögel, der Bergsteiger die Berge, die politisch Engagierte vielleicht die Gerechtigkeit oder die Freiheit. Das alles ist für diese Menschen wertvoll – weil sie es lieben.

Allerdings entscheiden wir nicht frei, wohin die Liebe fällt. Oft «ergreift» sie uns; manchmal verfallen wir ihr geradezu. Dann übt sie eine Art Zwang auf uns aus. Wir meinen nicht anders zu können, als diesen Menschen zu lieben. Auf jeden Fall haben wir nicht restlos in unseren Händen, wen und was wir lieben.

Ein wenig freilich schon. Wir können uns nämlich im Leben bewusst engagieren oder eben nicht. Und das verändert uns und unsere Werte. Das Engagement folgt nicht nur aus der Liebe; die Liebe wächst und vertieft sich auch durch dieses Engagement – oder erkaltet, wenn es fehlt. Genau darum sollten Sie darüber nachdenken: Wen lieben Sie eigentlich? Und was? Und sind es eher Dinge oder Menschen?

Was Sie lieben, bildet das Koordinatensystem Ihrer Wirksamkeit.

Denn wen und was Sie lieben, bestimmt die Richtung ihres Engagements. Was Sie lieben, bildet das Koordinatensystem Ihrer Wirksamkeit, die Landschaft, in der Sie Ihre Spuren hinterlassen. Sie können diesen Orientierungsrahmen zwar nicht einfach über den Haufen werfen, Ihre Werte so mir nichts, dir nichts austauschen. Diese sind aber auch nicht einfach Schicksal. Zum guten Teil entscheiden Sie selber, wofür und für wen Sie brennen wollen, was Ihnen ans Herz wachsen soll. Das bestimmt auf die Dauer Ihr Leben.

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