
Moment mal, ist das nicht ein Widerspruch? Das Urteil macht doch den Verurteilten gerade maximal unfrei: Es zwingt ihn zu tun, was er nicht will. Doch Sartre sagt es genau so, und zwar ganz generell: «L’homme est condamné à être libre». Das gilt für alle und jeden. In jedem Moment. Ein starkes Stück!
Wie kommt er dazu? Im Horror von Naziregime, Weltkrieg und Holocaust befinden sich unzählige Menschen in Grenzsituationen. Sie müssen sich entscheiden, oft zwischen radikalen Alternativen. Der deutsche Soldat zwischen Gehorsam und Verweigerung, die junge Französin zwischen Kollaboration und Résistance, der Verfolgte zwischen Untertauchen und Flucht. Kein Wunder, wenden sich die Philosophen von akademischen Fragen ab und der menschlichen Existenz zu: Was bedeutet es, Mensch zu sein, zu handeln, zu entscheiden? Jetzt ist «Existenzialismus» angesagt, der neue Trend in der Philosophie.
In seinem Text «Der Existenzialismus ist ein Humanismus» weist Sartre alle geltenden Bestimmungen «des» Menschen zurück. Päpste und andere Gurus, die vorgeben, was der Mensch sei und was er zu tun habe, haben abgedankt. Es gibt keine verbindliche Theorie über das «Wesen des Menschen». Jeder hat für sich selber zu bestimmen, wie er leben will. Und das heisst: was für ihn Mensch-Sein bedeutet. Nicht in der Theorie, sondern durch sein eigenes Handeln. Nicht Worte und Gedanken machen ihn zu dem, was er ist – sondern seine Entscheidungen. Der Mensch ist, wozu er sich macht, sagt Sartre.
Das aber heisst nichts anderes als: Der Mensch ist frei. Mehr noch: verurteilt, frei zu sein. Ohne Ausflucht. Jederzeit. Bei allen seinen Entscheidungen.
Schiesst Sartre damit nicht weit über das Ziel hinaus? Er erläutert sein Postulat an Beispielen. Ein junger Mann muss entscheiden: Soll er sich der Résistance anschliessen und dabei seine pflegebedürftige Mutter im Stich lassen? Oder sich um diese kümmern und dafür seine politische Gesinnung verraten? Ein moralisches Dilemma, gewiss, und enormer Druck von beiden Seiten. Aber er muss entscheiden – und bestimmt damit, was für ein Mensch er ist. Oder ein Süchtiger? Ihn frei zu nennen, grenzt an Hohn. Sartre antwortet: Er hat sich für seine Sucht entschieden.
Das ist keinesfalls zynisch gemeint. Im Gegenteil: Der Existenzialist erinnert daran, dass wir allen Einflüssen und Zwängen zum Trotz am Ende selber entscheiden, was wir tun. Und auch, wie wir uns zum Schicksal stellen, das uns widerfährt. Damit bestimmen wir, wer wir sein wollen – und wer wir sind. Das gilt selbst in scheinbar ausweglosen Situationen. Es liegt dann immer noch in unserer Hand, wie wir mit der Ausweglosigkeit umgehen. Da gibt es grosse Unterschiede, wie zum Beispiel die Berichte von KZ-Überlebenden eindrücklich belegen.
Was für ein Mensch willst du sein?
Man kann eine solche Forderung gnadenlos nennen. Doch sie beschreibt nüchtern und klar ein Faktum: Wir Menschen haben – im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen – immer eine Wahl. In den allermeisten Lebenslagen gibt es Handlungsalternativen. Und wo nicht, können wir immer noch entscheiden, mit welcher Haltung wir dem Unabänderlichen begegnen.
Wie viele Menschen neigen dazu, äussere Zwänge, die Umstände oder irgendwelche Verpflichtungen vorzuschieben, um nicht tun zu müssen, was sie tun sollten! Sie erklären sich für unfrei, weil sie den bequemeren Weg gehen wollen. Sartre appelliert an unseren Mut: Versage dir billige Lösungen. Frage: Was für ein Mensch willst du sein?
