Erstens ist der Satz – im vollen Wortlaut – mehrere Zeilen lang. Zweitens gilt Tolstoi gemeinhin nicht als Philosoph. Und drittens spricht er weniger eine philosophische Botschaft aus als vielmehr eine zutiefst christliche. Dennoch verdient er in die Liste philosophischer Jahrhundertsätze aufgenommen zu werden. Er antwortet auf eine grosse Lebensfrage: Wie kann ich ein gutes Leben führen? Ein ethisch vertretbares? Wie soll ich wirklich menschlich handeln?

Vielleicht versuchen Sie es: Sie spenden zum Beispiel für einen guten Zweck, für die Notleidenden bei Naturkatastrophen oder zuhanden von Hilfswerken. Nur, welche Organisation sollen Sie berücksichtigen? Wenn Sie dem Roten Kreuz spenden, käme dafür Amnesty International zu kurz? Und warum Geld: Würden Sie nicht besser Ihre Kraft und Zeit der alten, hilfsbedürftigen Nachbarin schenken? Oder dem Obdachlosen beim Bahnhof?

Vor allem aber bleiben unzählige Menschen, die Sie gar nicht erreichen: die gebeutelten Opfer in der Ukraine oder die gefolterten Uiguren in China. Und was tun Sie für die Millionen von Menschen, die in Unrechtsregimes unterdrückt, eingeschüchtert und eingekerkert werden? Es ist aussichtslos. Sie können nicht die ganze Welt retten.

Tolstoi erzählt von einem König, der wissen will, wie er alles richtig machen kann im Leben:  Wann soll er entscheiden? Für wen? Und wie? Die Geschichte „Die drei Fragen“ endet mit dem Rat, den ein Einsiedler dem König gibt:

„So merke dir nun, es gibt nur eine wichtigste Zeit, das ist der Augenblick, denn nur in ihm haben wir Gewalt über uns. Der wichtigste Mensch aber ist der, mit dem du im Augenblick zusammenkommst, denn niemand kann wissen, ob noch ein anderer sich um ihn bemühen wird. Und das wichtigste Werk ist, diesem Menschen Gutes zu tun, denn nur dazu ist der Mensch in diese Welt gesandt.“

Tolstoi gibt eine einfache Antwort auf eine schwierige Frage: „Tue Gutes – jetzt – diesem Menschen“. Natürlich verschwindet damit das Leid nicht aus der Welt. Auch nicht unsere Verpflichtung, es zu verringern, wo wir können. Aber Tolstoi rät, nicht strategisch vorzugehen, sondern praktisch. Nicht zu überlegen, sondern zu handeln. Das Gute nicht auf irgendeine Zukunft zu verschieben, sondern jetzt zu tun. Nicht auf Gelegenheiten zur Menschlichkeit zu warten; denn Sie sind immer da. Nicht Menschen zu suchen, die unserer Menschlichkeit bedürfen; denn alle brauchen sie.

Vielleicht geht es Ihnen manchmal wie mir: Ich überlege, wie ich ein gutes Leben führen kann, und übersehe, was ich genau jetzt dafür tun kann. Ich weiss nicht, wem ich meine Zeit widmen soll, und sehe nicht, dass Menschen um mich sie brauchen könnten. Da kann Tolstois Regel uns einen Stoss versetzen: Tue es, jetzt, diesem Menschen gegenüber. Sie bringt eine Haltung auf den Punkt: die selbstverständliche Bereitschaft, menschlich zu handeln, wo immer sich die Möglichkeit dazu bietet.

Zum Glück gibt es Menschen, denen diese spontane Menschlichkeit selbstverständlich ist. Müssig, anzufügen, dass sie insbesondere Leadern gut ansteht: Menschen, die andere führen, ihnen vorangehen – und in besonderem Mass zu deren Wohlergehen beitragen können.

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