Die meisten Menschen haben sich im Man eingerichtet: Sie leben so, wie man eben lebt. Sie haben ein Auto, weil man ein Auto hat. Sie fliegen in die Ferien, wie man in die Ferien fliegt. Sie kaufen ein, was man so einkauft. Sie freuen und empören sich, worüber man sich freut und empört. Sie schwimmen im Strom, bleiben unauffällig und biegen möglichst nicht vom Weg des gewöhnlichen Bürgers ab.

Doch wer ist dieses Man? Es ist kein bestimmter Anderer, aber auch nicht die Summe aller Anderen. Das Man meint keine einzelne Person, sondern alle in ihrer anonymen Präsenz. Die Wirkungsmacht der Durchschnittsmenschen, die Allgemeinheit im Neutrum.

Doch was soll daran schlecht sein? Vielleicht hat der Durchschnitt ja recht. Manch einer wird in der Mitläuferschaft selig. Der Philosoph setzt tiefer an. In seinem Hauptwerk «Sein und Zeit» geht Martin Heidegger den Strukturmerkmalen der menschlichen Existenz nach, die er Dasein nennt. Was kennzeichnet dieses? Welche Momente bestimmen unser aller Dasein, der unermesslichen Verschiedenheit unserer Lebenswege zum Trotz? Diese Strukturmomente nennt er Existenzialien.

Ein paar Beispiele dafür. Das In-der-Welt-Sein: Wir sind hineingeworfen in sie, ungefragt, und zwar mitten hinein. Wir sind immer da, immer mittendrin. Das Mit-Sein: Wir sind nicht allein, sondern immer mit Anderen, auf die wir vielfach bezogen sind. Die Sorge: Wir können gar nicht anders, als uns um uns selber zu sorgen; das Dasein ist das Sein, dem es um es selber geht, wie Heidegger sagt. Die Wahl: Was wir sein wollen und sein werden, entscheiden letzten Endes wir, auch wenn es alle möglichen Formen von Zufall und Einflussfaktoren geben mag. Darin liegt unsere Freiheit.

Aber auch die Angst: Denn diese schwindelerregende Freiheit, aus unserem Leben zu machen, was wir entscheiden, erregt zwangsläufig Angst, auch wenn viele diese gerne leugnen möchten. Die Zeitlichkeit: Das Bewusstsein, dass unser Dasein enden wird, können wir zwar zu vergessen versuchen, aber nie ganz verdrängen. Der Tod: Sein Wo und Wann und Wie ist offen, sein Faktum aber ist gewiss. Er verleiht unserem Dasein erst seine eigentliche Bedeutung.

Die Bestimmungsmacht dieser Existenzialien – ihre unausweichliche Herrschaft über unser Dasein – wirft ein anderes Licht auf das Man. Denn im Man leben wir nicht unser eigenes Leben, sondern das einer anonymen Allgemeinheit. Es verflüchtigt unser Dasein in die Durchschnittlichkeit und vermeidet alles, was eine Entscheidung verlangen würde. Es nimmt uns unsere Verantwortung ab: Das Man ist keiner, niemand ist es gewesen, keiner haftet.

Souverän handeln, ohne auf die Mehrheit zu schielen.

Die Alternative nennt Heidegger «eigentlich» leben. Im Adjektiv steckt das Wort «eigen». Eigentlich leben heisst sein eigenes Leben leben. Das bedeutet nicht, um jeden Preis anders leben als der Durchschnitt, auch nicht gegen ihn. Sondern sich nicht an ihm ausrichten, an dem, was «man» tut. Vielmehr: mein ganz eigenes, einmaliges, unaustauschbares, vor mir selber voll zu verantwortendes, mein richtiges Leben führen. Und zwar bei jeder einzelnen Entscheidung, ein Leben lang. Und dies im Licht der Existenzialien, der unerbittlichen Rahmenbedingungen: Sorge, Freiheit, Wahl, Zeitlichkeit, Tod.

Wenn Sie eigentlich leben, folgen Sie nicht dem gängigen Urteil, sondern bilden sich Ihr eigenes. Handeln Sie souverän, ohne auf die Mehrheit zu schielen. Trainieren Sie den Mut anzuecken. Entscheiden Sie sich nicht für das Bequeme, sondern für das, was Ihrem Leben Bedeutsamkeit verleiht.

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