„Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die Könige zu philosophieren beginnen, gibt es kein Ende des Unheils für die Staaten.“ Weltfremden Idealisten, die nicht für den Arbeitsmarkt taugen, sollen wir die Leitung des Staates in die Hände legen? Aus dem Mund eines Philosophen klingt die Forderung wie ein politischer Werbeslogan, interessengeleitet und leicht durchschaubar. Andererseits fragt sich angesichts  egozentrischer und skrupel-loser Autokraten in aller Herren Länder, ob die Welt mit Philosophen nicht besser bedient wäre.

Es kommt weniger auf die Worte an als auf den Gedanken, der hinter dem Satz steckt. Oder besser: auf die Frage, die er beantwortet. Platon umreisst in seinem Werk „Der Staat“ die ideale Gesellschaftsform. Und das heisst für ihn: die gerechteste. An dieser Stelle erörtert er, wer zu ihrer Leitung am ehesten geeignet ist. Wer soll die politische Führung über-nehmen?

Bei seiner Antwort – die Philosophen – gilt es zu bedenken, dass im Griechenland des vierten vorchristlichen Jahrhunderts Philosophie und Wissenschaft dasselbe bedeuten. Sie befassen sich nicht nur mit theoretischer Forschung, sondern ebenso mit den ethischen Fragen und der guten Lebensführung. Kurz, Philosophieren hiess ernsthaftes, genaues und vorurteilsloses Nachdenken und Argumentieren über alle wichtigen Angelegenheit des Lebens. Das bedeutet Philosophie übrigens noch heute, wenn man ihre Vertreter nicht aufs Klischee selbstgefälliger Lebenskünstler oder welt-fremder Spinner reduziert.

Führen soll, wer
das am besten kann.

Philosophen sind nach Platon ideale Leader, weil sie das Ganze im Auge behalten, statt Partikularinteressen zu verfolgen. Weil sie grundsätzliche Antworten suchen, statt vorschnell aus der Hüfte zu schiessen. Weil sie sich orientieren an einem guten, sinnerfüllten Leben für alle. Die Tugend, die dafür nötig ist, nennt Platon Weisheit.

Was hiesse „Weisheit“ heute, nicht nur für Politiker, sondern für alle Leader? Welche „Tugend“ legitimiert zur Menschenführung: im Team, im Unternehmen, in der Gesellschaft?

Platons Gedanken folgend, lautet die Antwort: Führen muss, wer das am besten kann. Und zwar stets in dreierlei Hinsicht: Erstens hat jedes Team, jede Gruppe eine Aufgabe. Führen soll, wer am besten dafür sorgen kann, dass sie erfüllt wird.

Zweitens muss ein Leader die Aufgabe nicht selber lösen, sondern seine Leute dafür gewinnen. Und zwar so, dass die Menschen dies möglichst freiwillig tun und dabei ihr Tun als sinnvoll erleben.

Drittens steht die Aufgabe immer im Dienst anderer: Kunden, Kapitalgeber, Geschäftspartner. Den legitimen Interessen dieser Stakeholder gerecht zu werden, ist ebenfalls ein Teil von Leadership.

So weit, so simpel. Kritisch wird die Frage erst, wenn Sie sie sich selber stellen. Kann ich dies in meinem Team wirklich am besten: für die Erfüllung der Aufgabe sorgen? Meine Leute für sie gewinnen? Dabei auch auf die Stakeholder Rücksicht nehmen?

Können Sie die Fragen bedenkenlos bejahen, sind Sie die oder der Richtige, um zu führen. Andernfalls wissen Sie, in welche Richtung Sie sich weiterentwickeln sollten.

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