„Die Klage des depressiven Individuums Nichts ist möglich ist nur in einer Gesellschaft möglich, die glaubt: Nichts ist unmöglich“.

Wie bitte? Man muss den Satz zweimal lesen und versteht ihn vielleicht immer noch nicht. Nichts sei möglich, klagt jemand: weil alles möglich ist? Das ist doch ein Widerspruch.

Wer klagt denn da? Die Menschen im „modernen Kapitalismus“, sagt Han. Der deutsch-koreanische Philosoph analysiert ihn und kommt zum Schluss, dass er die Menschen nicht mehr physisch ausbeute, sondern psychisch. Der Neoliberalismus mache sich subtil die Emotionen der Menschen zunutze: Er suggeriere ihnen Bedürfnisse, die sie dann für ihre eigenen hielten.

Das Resultat seien Menschen, die einer grenzenlosen, blinden Produktions- und Konsumationswut verfallen seien, die sie erschöpfe und aushöhle, mit dem einzigen Zweck, das neoliberale Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten. In der „Müdigkeitsgesellschaft“ seien deshalb Depression und Burnout die Trendkrankheiten: Die Menschen würden an ihren wahren Bedürfnissen vorbeiarbeiten und
-konsumieren. Sie würden diese gar nicht mehr kennen und darum ihr Leben als sinnentleert erleben. Was immer sie auch tun, es führe in dieselbe Sackgasse. Deshalb das Gefühl: Nichts ist möglich.

Dabei ist doch das Gegenteil der Fall – scheinbar. Alles ist möglich. In früheren Zeiten war der Mensch gebunden: Beruf, Stand, Glaube, Lebensraum waren vorgegeben. Heute kann ich mir alles aussuchen: Job, Wohnort, Lebenskonzept. In der unendlichen Flut an Konsumgütern aber auch alles, von dem ich meine, ich bräuchte es: Autos, Kleider, Feriendestinationen, meine Hobbys und die Utensilien, die ich dafür benötige. Alles ist möglich, aber nur innerhalb dieses Systems vermeintlicher Bedürfnisse und scheinbarer Lebensnotwendigkeiten.

Was brauchen Sie wirklich:
für ein gutes Leben?

Dass ich dabei das Gefühl vollkommener Unfreiheit habe, ist deshalb kein Widerspruch, sondern die psychologisch plausible Folge dessen, was mir die Gesellschaft dauernd einredet, nämlich ich sei absolut frei. Wenn das „depressive“ Individuum sagt, nichts sei möglich, meint es: jenseits des Systems totaler Produktion und Konsumtion. Dieses selber hat dabei aber die Illusion geschaffen, alles sei möglich: innerhalb seiner Grenzen. Byung-Chul Hans Satz ist nicht widersprüchlich, sondern nur paradox.

Doch was sind unsere tatsächlichen Bedürfnisse? Was brauchen Sie wirklich: für ein gutes Leben? Wir alle sollten uns dies fragen.

Insbesondere aber Leader, also Menschen, die andere führen. Denn sie sind – auch mit ihrer persönlichen Lebensgestaltung – nicht nur Vorbilder, ob sie wollen oder nicht. Sie sollten auch die Vordenker in der Gesellschaft sein und uns die Frage in Erinnerung rufen: Welchen Wert schafft das, was wir tun, für die Menschen unserer Gesellschaft? Ist unser Beitrag lebensdienlich? Was müssen wir uns tatsächlich kaufen und was ist überflüssig?

Leader sollten Querdenker sein. Wer, wenn nicht sie, sollen uns dazu anstossen, uns ein Stück weit von der „Müdigkeitsgesellschaft“ zu emanzipieren. Leader sollten sich weigern, im Mainstream blinder Produktions- und Konsumationswut mitzuschwimmen. Sie sollten fragen, was wir produzieren wollen und sollen, weil die Menschen es tatsächlich brauchen – für ein gutes Leben.

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